Emotionen konstruktiv bei der Arbeit nutzen

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Gastartikel von Ingo, nachhaltiger Webentwickler aus Berlin

Als Selbstständige müssen wir uns selbst motivieren, unsere Ziele definieren, und unseren Entscheidungsspielraum nutzen. Emotionen sollten uns dabei nicht behindern, sondern inspirieren, was im Falle von Freude keine große Herausforderung ist. Aber sogar Angst und Wut können wir konstruktiv in unsere Arbeit integrieren.

Keine Angst vor der Angst

Vielleicht fürchten wir Emotionen als Störenfriede, die uns ungewollt überfallen und uns von unserer Kreativität und Produktivität abbringen können. Dann wollen wir nur die Emotionen zulassen, die nicht stören und keine Zweifel aufkommen lassen.

Viele haben zum Beispiel zunächst Angst, sich online zu zeigen, schämen sich gar dafür und bekommen Angst vor der Angst. Dabei kann unsere Angst uns helfen, warnen, und motivieren. Das gilt auch für die Wut, die manchmal „erfolgreich“ unterdrückt wird und in anderen Momenten die Kontrolle über uns gewinnt.

In vielen Firmen sind gar keine oder nur „positive“ Emotionen gefragt. Manche machen „Happiness Engineering“ und Entspannungsübungen, um ein produktives Betriebsklima zu fördern. Das kritische Potenzial von Angst, Ärger, Wut und Enttäuschung würde dort vielleicht den Rahmen sprengen. Als Selbstständige können und sollten wir uns aber kritische Gefühle und Gedanken erlauben. Wir können „nein“ sagen und Aufträge ablehnen, bei denen wir ein ungutes Gefühl haben. Denn oft steckt ein guter Grund dahinter, auch wenn wir den nicht immer sofort erkennen.

Wertschätzend nein sagen

Indem wir ablehnen, was uns nicht gut tut, gewinnen wir Zeit und Energie für das, was wir eigentlich wollen. Mein „nein“ impliziert ein „ja“ zu einer besseren Alternative.

Wenn ich meine Entscheidungsmöglichkeiten reflektiere, ist mein Zorn meist schnell verflogen. Mit ein wenig Abstand fällt es mir auch leichter, die gut gemeinte Intention hinter einer ärgerlichen Äußerung zu erkennen und entsprechend wertschätzend zu beantworten. Und selbst wenn ich überzeugt bin, dass jemand keine gute Absicht hatte, kann es trotzdem hilfreich sein, in meiner Antwort eine solche zu unterstellen. So kann ich souverän agieren ohne in eine emotionale Falle zu tappen.

Empathische Kommunikation statt Wutspiralen

Meine eigenen Emotionen zuzulassen, erleichtert es mir jedenfalls, mir vorzustellen, wie sich eine spontane, wütende Ich-Botschaft als Zuhörer:in anfühlen könnte. Gewaltfreie Kommunikation versucht, weniger über unsere Gefühle, dafür aber mehr über unsere Bedürfnisse zu sprechen. So vermeiden wir eine Eskalation negativer Emotionen und können konstruktiv zu positiven Veränderungen inspirieren.

Emotionale Fallen durchschauen

Wut entsteht oft dann, wenn wir uns hilflos fühlen. Ich glaube, geistige Berufe verstärken das Dilemma, weil wir beinahe bewegungslos am Schreibtisch oder im Meeting sitzen, während unser Körper energisch agieren möchte. So hat es sich für mich jedenfalls manchmal angefühlt. Als Webentwickler gehen mir zwar niemals die Farben aus, aber diese virtuelle Welt lässt sich auch nicht anfassen, fühlen oder riechen. Anstelle von Pinseln, Meißeln oder Knetmasse habe ich bloß eine Computermaus in der Hand und meine Fingerspitzen auf der Tastatur, um das zu gestalten, was ausschnittweise auf meinem Bildschirm erscheint. Allerdings ging es Schriftsteller:innen vergangener Zeiten mit Schreibmaschine oder Füllfederhalter ja nicht anders und sie haben es auch geschafft, die fehlende Körperlichkeit emotional auszugleichen.

Pausen, Prokrastination und Pomodoro

Während wir Pausen oder Sport machen, spazieren oder prokrastinieren, können sich auch unsere Gedanken und Gefühle entfalten oder zur Ruhe kommen. Manche schwören auf Techniken wie Pomodoro, die kurze Arbeitseinheiten mit festen Pausen abwechseln. Ich nutze aber gerne meine Flexibilität als Selbstständiger und lasse mich vom kreativen „Flow“ treiben, ohne dabei auf die Uhr zu schauen. Dann ist es umso wichtiger, dass ich meine Gefühle beachte und merke, wenn sich Unzufriedenheit einschleicht.

An manchen Tagen werde ich schnell frustriert, an anderen formuliere ich gelassen Fehlermeldungen, Fragen oder Verbesserungsvorschläge und erledige dann andere Aufgaben, während ich auf Antworten und Ideen warte.

Emotionale Webentwicklung

Als Webentwickler kann ich zwar manche Probleme mit Fleiß und Logik lösen, aber erst durch Inspiration und Empathie gelingt es mir, andere Menschen mit meiner Arbeit zu begeistern. Deshalb habe ich auch keine Angst, durch künstliche Intelligenz überflüssig und arbeitslos zu werden.

Meine Artikel über Wut, Witz und gesunde Produktivität oder „emotionale (Web-) Entwicklung“ (Emotion-Driven Development, in Anspielung an das Prinzip testgetriebener Softwareentwicklung), reflektierten zunächst meine eigenen Gefühle, die mir bei der Arbeit scheinbar im Weg standen, bevor ich sie als hilfreich akzeptieren konnte.

Auch Kund:innen werden manchmal wütend und klicken zum Beispiel voller Verzweiflung immer schneller auf einen Button, weil die nächste Seite nicht lädt. Dafür gibt es sogar einen Fachbegriff, nämlich „Rage Click“ (Wutklick).

Wenn Kund:innen wütend werden

Als nachhaltiger Webentwickler möchte ich nicht bloß dafür sorgen, dass eine Website oder ein Online-Shop überhaupt benutzbar ist. Das Betrachten, Stöbern und Suchen soll sich auch gut anfühlen, und zwar möglichst für alle Kund:innen in allen Situationen. Es ist grundsätzlich kein Problem mehr, Websites in vielen verschiedenen Browsern auf verschiedenen Geräten zu testen, die fernsteuerbar in einer zentralen Gerätebibliothek bereitstehen. Aber zusätzlich habe ich mehrere eigene Geräte, darunter auch ein altes iPhone, auf dem ich in meine Websites in der U-Bahn oder draußen in der Mittagssonne aufrufen kann, um zu spüren, wie sich das anfühlt. Nicht umsonst sprechen wir ja vom „Look and Feel“ einer Website. Dazu gehört übrigens auch, was passiert, wenn Kund:innen warten müssen oder eine Fehlermeldung erhalten.

Emotional nachhaltig wirtschaften

Nachhaltige Webentwicklung muss alle Arten von Nachhaltigkeit umfassen. Ökologisch nachhaltig reduzieren wir den digitalen CO2- Fußabdruck unter anderem durch Green Hosting, Energieeffizienz und geringe Dateigrößen. Wirtschaftlich nachhaltig können wir durch Langlebigkeit laufende Kosten senken und durch einfache Bedienbarkeit und treffende Ansprache den Umsatz steigern. Barrierefreiheit, Datenschutz, und Emotionalität können wiederum die soziale Nachhaltigkeit steigern und Vertrauen und Begeisterung schaffen!

Sozial nachhaltig zu arbeiten bedeutet aber auch, achtsam und wertschätzend mit uns selbst als Entwickler:innen und selbstständige Unternehmer:innen umzugehen, um unsere Energie und Kreativität langfristig zu erhalten.

Wenn wir all das von Anfang an mitdenken, ist Nachhaltigkeit kein Mehraufwand, sondern eine Synergie, die sich auch wirtschaftlich bezahlt macht.

Ich bin Ingo Steinke, nachhaltiger Webentwickler aus Berlin. Ich freue mich über die Einladung, hier als Gastautor zu schreiben und bin gespannt auf den weiteren Austausch!

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